Kasachstan … Nix Problema , doch Problema

Wir wurden ja schon vorgewarnt das es Problema geben wird, aber dennoch, die Überraschung ist anders als erwartet. Bereits an der Grenze geht mit nix verstehen und ausharren oder gar Guten Worten gar nichts. Es ist nun also die erste Grenze bzw. die erste Situation in der wir Schmiergeld zahlen müssen. Nach einigen Minuten haben wir uns aus ein viertel der Ausgangssumme geeinigt (umgerechnet ca. 8€). Auch die Deklaration für unser Auto ist eine schwierige Geburt, aber nach einem Gespräch mit dem „obersten Hauptmann“ geht es dann doch.

Die Grenze hinter uns gebracht brechen wir auf um noch nach Almaty zu kommen. Im abendlichen Licht erscheint das scheinbar über weite Strecken unbewohnte Gebiet in goldgelber Farbe. Der Kontrast zwischen dem mit Gewitterwolken verhangenen Himmel und den Feldern lässt eine besondere Stimmung entstehen und tröstete uns nach dem ersten Eindruck ein wenig. Vorbei an schier endlosen Getreidefeldern geht es in Richtung Stadt.

Almaty ist zwar nicht die Hauptstadt (das ist Astana) aber dafür ist sie mit über 1Mio. Einwohnern ca. fünf Mal so groß wie diese. Kaum angekommen haben wir schon keine Lust mehr auf die Großstadt. Die Luft ist trotz der überdurchschnittliche vielen neuen Autos so von schwarzen Abgasen geschwängert, dass man die Berge am Rand kaum noch erkennen kann und auch morgens schon eine braune Luftschicht über der Stadt liegt. Kasachstan hat in den letzten Jahren einen riesigen finanziellen Boom erlebt. Alle machen jetzt kräftig Schulden und sind am spekulieren. Bodenschätze gibt es zu genüge und die soziale Schere öffnet sich im rasanten Tempo. Gut ein viertel der hier fahrenden Autos sind Geländewagen der Oberklasse und ein weiteres Viertel der Mittelklasse, der Rest sind für die Normalbevölkerung erschwingliche Fahrzeuge. Protzen gehört hier zum guten Ton. Hummer (überdurchschnittlich unnötige Pseudogeländewagen) sind hier täglich gleich mehrfach zu sehen.

Gleich in der ersten Nacht geht es dann auch schon wieder weiter mit Problema. Kaum eingeschlafen und in den Träumen bei der französischen Himbeer-Sahne-Torte von Cafe Ideal (ehem. Flamme) werden wir durch ein Geräusch geweckt. Zwei oder drei Jugendliche sind gerade damit beschäftigt uns die Fahrräder vom Auto zu klauen. Vermutlich denken sie wir  übernachten im nahegelegenen Hotel. Sie suchen dann jedoch ganz schnell das Weite nachdem wir mal kräftig von innen gegen die Tür klopfen und aus dem Wagen kommen.

Da wir seit Kirgisien Schwierigkeiten mit unserer Vorderachse haben, hoffen wir hier auf die passenden Ersatzteile und etwas Hilfe der örtlichen Mercedes-Schmiede. Dort angekommen erklären wir unser Problem und betonen mehrfach dass es sich nicht nur um ein Fahrzeug sondern auch um unsere Unterkunft handelt und wir daher gerne draußen stehen wollen um auch weiterhin darin nächtigen zu können. Die Antwort darauf:„ niet Problema, fahre rein“. Ca. drei Stunden später gibt es  „groß Problema“. Chefchen hat uns auf dem Hof entdeckt und lässt es nicht zu das wir auf dem Gelände übernachten. Da unsere Vorderachse nun aber bereits zerlegt ist und die notwendigen Ersatzteile laut Aussage der Ersatzteilabteilung zwischen vier bis sechs Wochen Lieferzeit benötigten würden, ist das nun ein großes Problem. Das Zerlegen gestaltet sich bereits sehr nervenaufreibend da ich einen sog. Fachmann zugeteilt bekomme. Nachdem der „Fachmann“ mir unnötigerweise die Bremsleitung entfernt, die Nuten der Sprengringe durch kräftiges Schlagen verkleinert und auch sonst nur unnötige Arbeit verursacht hat, bin ich echt sauer. Um nicht auch noch mehr Schaden anzurichten will ich die Reste des defekten Gelenks kurzerhand mit der Flexs  entfernen. Mit meiner kleinen komme ich erstmal nicht weit. Auf die Frage ob ich eben mal die große Flexs aus der Werkstatt haben könne werde ich nur mit großen Augen angeschaut und bekomme die Antwort „niet gigant Flexs“ (was heißen soll das es in dieser „Fachwerkstatt für PKW uns LKW“ keine große Flexs gibt). Wiederrum drei Stunden später wird mir dann eine große Flexsscheibe zugespielt. Damit geht´s dann auch weiter.   Die erste Nacht schlafen wir dann, gesichert von drei bewaffneten Wachmännern im Verkaufsraum. Die folgende Nacht hat uns dann der Fachmann der Reperaturannahme an der Backe (er war es der nur „niet Problema“ von sich gegeben hatte). Seine Frau ist zwar über diese Abwechslung ganz froh, hätte sich aber sicher auch andere Umstände gewünscht. Ein Duscherlebnis der besonderen Art gibt es dann noch dazu. Uns wird der Weg zu einem kleinen Nebengebäude gewiesen, in dem sich die „Dusche“ befindet. Diese ist mehr eine Sauna als eine Dusche. Der riesige Wasserkessel wird von außen mit Holz befeuert und heizt nicht nur das Wasser sondern den kompletten Raum auf Saunaähnliche Themperaturen. Das Wasser kann einfach und schnell auf die gewünschte Temperatur gebracht werden, indem man es in einem Eimer gemischt und mit einer Kelle über sich ergossen hatte. Sollten wir mal sesshaft werden wird es das bei uns auch geben. Einfach genial, genial einfach…

Die nächsten Nächte verbringen wir dann in einer „Pension“ die diesen Namen nicht wirklich verdient. Während wir nun auf die Ersatzteile aus Deutschland warten treffen wir, alle guten Dinge sind drei, nochmal Johannes und Lisa. Im Schutz und Schatten eines Hinterhofs wird ausgiebig gefrühstückt. Wir sitzen also unschuldig unter den Bäumen neben „Rosi“ (das ist der Name von Johannes Bus) da werden wir im tiefsten sächsisch angesprochen. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde wissen wir dann dass es sich bei Jens um den wohl einzigen deutschen Metzger hier in Almaty handelt. Seine Frau Sandra arbeitet an der hiesigen Botschaft und er stellt die Versorgung von essbaren Fleisch- und Wurstwaren sicher. Wir können uns dann einige Stunden später selbst davon überzeugen dass es sich um erstklassigen Leberkäse und „Seidewürschtle“ handelt. In Verbindung mit einem viel zu süffigen Bier aus der nahegelegenen Abfüllstation, ein wahrer Schmaus, selbst für uns Bratwurstvegetarier. Wir starten auch einen kläglichen Versuch eine hier gern gegessene „Knabberei“ zum Bier zu testen, aber so richtig anfreunden können wir uns dann mit dem Geschmack von getrockneten Tintenfisch doch nicht.

Ein besonderes Kapitel ist die Abholung der georderten Teile für unser Auto. Wir bekommen vom ADAC (ein wahrer Segen) die Flugnummer und die Paketnummer unserer dringend erwarteten Teile und stehen voller Freude vor dem Flughafen. Zehn befragte Personen und zweieinhalb Stunden später sind wir dann auch an dem Ort wo unser Päckchen den Besitzer wechseln soll. Da der vor Ort angetroffene Zollbeamte jedoch nicht gerade arbeitsmotiviert ist und sich auch nicht mal im Ansatz gewillt zeigt uns das Päckchen vor Montag (es war Samstag früh) auszuhändigen, müssen wir das Feld unverrichteter Dinge wieder verlassen. Montagmorgen geht es mit bereits erwarteter Motivation weiter. Lediglich in den Flugfrachtbüros der obersten Etage ist eine gewisse Arbeitsmotivation und Fürsorge zu spüren. Nachdem wir erfahren dass sie für das Erledigen der Frachtpapiere und Zoll-Deklaration  über 250€ + weitere Steuergebühren und „sonstiger“ Ausgaben von uns haben wollen, ist des Spaß dann doch zu Ende. Kurzerhand entreißen wir dem eben noch so netten Menschen unsere Frachtpapiere und telefonierten mit der Botschaft um uns weitere Tipps einzuholen. Mit deren Hilfe sind dann die notwendigen Stempel recht fix auf den Papieren und nach weiterer 1 ½ stündiger Wartezeit können wir das Martyrium in der Ausgabehalle des Flughafens fortsetzen. Nach nunmehr insgesamt  15 Stunden an der Zollstelle halte ich dann endlich unsere Sendung in Händen und muss feststellen dass es nur halb soviel wiegt wie angegeben… zurückgeben wollen wir sie jedoch nicht mehr. Die eigentliche Freude kommt auch erst dann auf als wir nach dem Öffnen sehen das dass mit Sehnsucht erwartete Kreuzgelenk selbst mit viel Phantasie nicht an unser Fahrzeug passen wird. Also es soll weiterhin Spannend bleiben…  

Inzwischen sitzen wir seit mehr als einer Woche fest. In Almaty. Wow! Woanders ist´s bestimmt auch schön und wir merken wieder mal dass wir einfach keine Stadtmenschen sind. Langweilig wird uns jedoch nicht, wir haben allerhand zu tun. Die richtigen Ersatzteile beordern, Mercedes Benz Spezialisten auf Trab halten, mongolische Visa besorgen, was schnell und problemlos von statten geht. Frau Botschafterin lädt Annette sogar zum Borschtsch essen (russische Suppe) ein und gibt mir allerhand Tipps für unser Zielland. Bei der russischen Botschaft stellt sich Annette auch noch an, denn wer weiß, ob wir unsere bereits eingetragenen Visa überhaupt wahrnehmen können. Inzwischen ist sie auch nicht mehr so freundlich zu ihren sich vordrängelnden Mitmenschen, die doch nur eine kurze Frage zu „bla, bla, bla“ haben. Von wegen sag Annettchen „mein Oma is auch krank und ich muss schon seit zwei Stunden mal“…und stelle sich demonstrativ vor die Tür. Hier bekommt man nichts geschenkt. Noch nicht einmal ein zufriedenes Lächeln von den drei Hausdrachen, die die Schlüssel von unserer Absteige verwalten.

Eine große Freude haben wir dennoch. Schnäuzelchen ist  in unser Leben getreten. Sie war bis vor kurzem noch genauso feige wie der Manager dieses Unternehmens und verkroch sich sobald wir aufgetaucht sind. Inzwischen ist sie unser Wachhund und bellt und knurrt vorzüglich, wenn sich entsprechende Personen nähern. Leider können wir nur ein paar schöne Tage zusammen genießen, denn die Mitnahme von Hunden gestaltet sich weitaus schwieriger als die Beschaffung der Ersatzteile. Eine weitere Freude ist auch ein Besuch des ca. 15 Km entfernten Eisstadions, genauer gesagt der Region dahinter, denn das Stadion an sich ist nicht so richtig interessant. Wir treffen hier oben auf die eine oder andere Hochzeitgesellschaft und machen einen Besuch beim nahegelegenen Fluss. Unglaublich kalt (nur minimal kälter wie die Dusche in unserer Pension) ist das Wasser hier. Wir genießen die Luft und die Ruhe hier. Nach einiger Zeit entdecken wir dann auch noch viele kleine glitzernde Dinger im Wasser und hofften auf den großen Goldfund. Vom Goldfieber gepackt waschen wir ein bisschen von dem Sand und haben tatsächlich etwas was sich wie Metall biegen lässt und aussieht wie Gold. Ob es welches ist werden wir wohl erst von einem Fachmann erfahren.

Das nochmals georderte Ersatzteil sollte laut TNT-Packetdienst am Freitag bei uns eintreffen. Wie gesagt sollte! Ist dann leider doch wieder mal nix mit dem gemachten Versprechen. Das Wochenende vertreiben wir uns dann mit Erkundungen der Umgebung sowie dem Anschauen mitgenommener Tatort-Serien. Dazu gibt’s köstlich gebrautes kasachisches Bier mit Unmengen an Chips und anderen Frustvertreibern. Mit viel Nachdruck, Diskusionen und Telefoniererei bekommen wir Montagabend endlich unser benötigtes Ersatzteil.

Am folgenden Tag ist Annette dann damit beschäftigt unser russisches Transit-Visa zu verschieben. Durch die unerwartete Wartezeit können wir die angegebenen Daten nicht einhalten und  versuchten es um drei-oder vier Tage zu verschieben. Erstmal ist alles klar, aber dann wird prompt das alte Visum für ungültig abgestempelt und nur eines für fünf Tage ausgestellt. Annette nervlich am Ende rettete die Situation doch noch. „Über 6.000km in fünf Tagen, ohne befahrbare Straße  mit unserer Uralt- Kiste, wie soll das denn gehen“? Oh, was bittere Tränen und aufgelöste wütende Frauenstimmen alles bewirken können. Ein acht Tage Visum wird somit rausgeschlagen. Für diesen, im Endeffekt, einen Tag mehr zahlen wir dann brav 150€. Dankeschön dafür…!

Im diesem Sinne aber ein „echtes herzliches Dankeschön“ an das deutsche Konsulat in Almaty, die uns in diesen verquerten Situationen mit ihrem Rat und mancher Tat zur Seite gestanden haben.

Nach tränenreichem Abschied von Schnäuzelchen, die partout nicht aus dem Bus heraus zu bewegen ist und immer wieder rein hüpft, geht es dann endlich wieder los. Diesmal zunächst im Zick Zack, dem Straßenverlauf folgend nach Norden. Die Fahrt durch das Land verschönern wir uns dann mit dem Hörbuch „Ich bin dann mal weg!“von Hape Kerkeling. Was ich bisher noch nicht wusste, aber es klingt logisch, Hape steht für Hans Peter. Wir lauschen seinen Erzählungen über den Jakobsweg und vergießen hierüber die eine oder andere Lachträne. Die Fahrt in den Norden ist recht anstrengend da auch hier, wie in Zentralasien fast überall, die Straßen in einem recht schlechten Zustand sind. Zum Teil gerade erneuerte Abschnitte sind, schon von LKW´s überquert, mit stellenweise 15-20 cm tiefen Spurrinnen versehen, was ein Fahren mit mehr als 60 kaum ermöglicht. Gefahren wird auf den zwei Verschiedenen Fahrbahnen wo es eben geht und somit entsteht ein regelrechtes Fahrbahn- „hobbing“. Straßen auf denen man über Stunden nur geradeaus fahren kann ohne eine gravierende Veränderung am Horizont zu entdecken ist uns bisher noch nie in diesem Maße begegnet.  Der Ackerbau scheint sich auf Getreide und Sonnenblumen zu beschränken. Am Wegesrand, wie schon seit einigen Monaten zu beobachten ist, finden wir immer wieder Hanf in rauen Mengen.

Wir treffen eines Abends auf zwei Fahrzeuge einer „Mongolei Rally“. Die zwei Teams sind Bestandteil von ca. 300 vor 14 Tagen in London gestarteten Fahrzeugen. Und wir dachten schon, zu viel Zeit auf der Straße zu verbringen. In den nächsten Tagen sollen wir immer wieder von Fahrzeugen dieser Rally überholt werden. Hier auf dem Lande gefällt es uns dann schon gleich wesentlich besser als in der Stadt. Nicht nur die Landschaft sondern auch die Menschen erscheinen uns freundlicher und gelassener. Was uns immer wieder auf unserer Reise erstaunt ist die spontane Gastfreundschaft, die sich hier durch eben mal gemachte Geschenke äußert. Eines Abends liegen wir im Bus von Johannes und schauen zur Entspannung mal einen alten Miss Marple Krimi, da wird uns völlig kommentarlos eine Tüte mit warmen Samsa in den Wagen gereicht. Ein andermal auf der Strecke in den Norden des Landes halten wir kurz, um den Getränken die den Weg aus den Schweißporen nicht gefunden haben den anderen noch möglichen Weg zu ermöglichen, da hupt es neben unserem Bus. Kurz nachgeschaut was denn los ist werden uns, wiederum wortlos Pfirsiche  aus einem LKW gereicht.  

Einen nicht erwarteten Landschaftswechsel gibt es dann noch kurz vor der Grenze. Wir durchfuhren nun schon den letzten Tagen lediglich baumlose und karge Landschaft und nun am Nordende der Stadt …….. säumen auf einmal Kiefernwälder den Wegesrand. Völlig geplättet von so vielen Bäumen (wir hatten seit der Türkei nicht mehr so viele natürlich gewachsene) gesehen.

An der Grenze verläuft alles erstaunlich einfach und schnell. Ehe wir uns versehen stehen wir wiedermal im Niemandsland und warten gespannt auf Sibirien.

Juli August 2009