Das Land des Lächelns - Die Mongolei

 

Wir können es kaum glauben, aber wir sind im Land unserer Träume angekommen. Sogar die befürchtete lange Grenzangelegenheitsprozedur läuft erstaunlich fix und unkompliziert ab. Willkommen in den scheinbar unendlichen Weiten heißt es hier. Für uns heißt es jetzt erstmal  „schlafe gut“, nach all den Qualen in Kasachstan und der Achttagestour durch ein winziges Zipfelchen (immerhin knappe 3000Km) von Russland, haben wir uns jetzt etwas Ruhe verdient. Zunächst gibt´s aber nur ein kleines Mittagsschläfchen, denn wir wollen ja weiter Richtung Süden nach Ulaan Bataar, der Hauptstadt der Mongolei. Auf dem Weg nach Süden fahren wir jedoch erst nochmals einige Stunden in Richtung Westen. Hier ca. 50 Km abseits der Straße nach Erdenet, liegt eine alte buddhistische Klosteranlage eingebettet in einem wunderschönen weitläufigen Tal. Nachdem die verschiedenen Flüsse durchquert sind, Brücken gibt es nicht und wenn dann nicht für unsere Gewichtsklasse, sehen wir am Ende des Tals die Anlage umgeben von zahlreichen Jurten.

 

Es ist für uns das erste mal dass wir ein buddhistisches Kloster betreten und somit sind wir einfach nur noch erstaunt was wir hier zu sehen bekommen. Eine unendliche Farbenpracht bietet sich uns in dieser Umgebung. Begonnen bei den Fahnen, über verschiedenste Buddhafiguren und anderer Gottheiten, Gebetsmühlen zu den im chinesischen Baustil errichteten und reichhaltig verzierten Tempeln, ist alles eine genauere Erkundung wert. Das Innere der Tempel übertrifft die Farbenpracht nochmals und wir kommen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Für einige Stunden entdecken wir hier eine völlig andere Welt. Das Kloster ist von zahlreichen Kindermönchen bewohnt. Da in den 30ern des letzten Jahrhunderts die meisten Mönche von den russischen Besatzern ermordet oder in Arbeitslager nach Sibirien verschleppt wurden, findet man heutzutage nur sehr wenige betagte Mönche die ihr Wissen an die nächste Generation weitergeben kann. Der Platz lädt zum verweilen ein und somit werden wir hier drei Tage verbringen. Viel länger ist es uns nicht möglich, da wir uns nach spätestens fünf Tagen in der ca. sieben Autostunden entfernt liegenden Hauptstadt registrieren lassen müssen. Abends und nachts sitzen wir dann immer wieder gespannt draußen und versuchen Blitze und Sternschnuppen zu fotografieren. Mit dem Blitzen haben wir Glück uns bekommen einige vor die Linse, die Sternschnuppen hingegen sind vermutlich etwas Kamerascheu und lassen sich zwar von uns bestaunen jedoch nicht ablichten. Es ist gerade die „Sternschnuppen-Zeit“, die Tage zwischen dem 17 und 19 August sind angeblich die schnuppenreichsten Tage im Jahr. Wir befinden uns zwar nicht auf einem so hohen Plateau wie am Song Kol in Kirgisien aber die Sterne zeigen sich, in absoluter Dunkelheit, auch hier in voller Schönheit.

Am selben Abend treffen wir noch auf einen Schweizer Rentner der hier in einem Jurten-Camp Käse herstellen will. Wir verabreden uns für den nächsten Morgen um zusammen Ziegenfeta  und Mozzarella herzustellen. Am nächsten Tag ist es dann so weit und nachdem wir mir einer Stunde Verspätung in der Küche ankommen werden gerade die Bakterienkulturen der Milch zugesetzt. Einige Stunden und viele Handgriffe später genießen wir den frischen Mozzarella. Wir werden dann auch noch von „Eddi“, ein in der Mongolei sehr bekannter Fernsehkoch der hier ein schönes Gercamp unterhält. Zum Salat gibt´s dann natürlich auch den selbstgemachten Feta mit einem hervorragenden spanischen Rotwein. Wir wollen uns noch am selben Tag auf den Weg nach Ulan Bator machen. Die Weiterfahrt endet jedoch ziemlich schnell und unverhofft an einem der durch den letzten Regen aufgeweichten Bergen. Da es im Umkreis von 30 Km keine befestigte Straße (oder auch nur Schotterpiste) gibt geht unsere Fahrt sozusagen querfeldein. Es gibt verschiedene Spuren und wir entscheiden uns für die scheinbar bessere um denn Berg überqueren zu können. Nach einem Drittel rutschen wir jedoch auf dem glitschigen und schrägen Untergrund seitlich ab und finden uns  in sehr unangenehmer Schräglage in einer der unteren Fahrspuren wieder. Nachdem wir uns das Ganze dann auch noch von außen betrachten werden wir uns erst bewusst wie knapp wir am umkippen sind. Annette fährt kurzerhand mit einem zum Glück vorbeikommenden Fahrzeug zurück zum Kloster um Hilfe zu holen. Ich beginne einen ca. 40 cm tiefen Graben um die Reifen herum zu buddeln, der Reifen links vorne steht ohnehin schon in der Luft, um den Bus wieder in eine stabilere Position zu bekommen. Es dauert ca. drei Stunden bis einen Graben auf 20 oder mehr Metern gegraben  und den Aushub auf der anderen Seite aufgetürmt ist. Alleine schaffen wir es dennoch nicht und so wird ein 10 Tonnen Bagger geordert der uns aus unserer misslichen Situation retten soll. Dieser hat zwar auch ganz schön mit dem rutschigen Untergrund zu kämpfen, schafft es jedoch uns raus zu ziehen. Nach weiteren zwanzig Kilometern auf der, nach den starken Regenfällen der letzten Tage, ausgespülten und durchweichten Strecke erreichen wir wieder feste Betonstraße. An dieser Stelle nochmal ein riesiges Dankeschön an Eddi (den Fernsehkoch) der mit seinem Geländewagen die Strecke vorgefahren ist um zu schauen welche Wege noch einigermaßen gefahrlos befahrbar sind.

Den nächsten Tag verbringen wir mit der Fahrt ins 350Km gelegene Ulan Bator. Hier müssen wir uns noch registrieren lassen und ein neues Visum für Russland beantragen. Die Stadt ist zwar sehr interessant aber eigentlich wollen wir ja auf´s Land denn Städte sind dann irgendwie doch immer gleich. Da es jedoch Anfangs schier unmöglich scheint ein russisches Touristenvisum zu bekommen sinkt unsere Laune zusehends und wir planen bereits mit Sören und Bianca (zwei Deutsche auch mit einem Bus hier unterwegs) die Möglichkeit doch mit unseren Bussen nach China einzureisen.

Abends genießen wir zusammen mit Moogi (einer Mongolin die fünf Jahre in Freiburg gelebt hat) das örtliche Essen in einem kleinen Restaurant. Um zurück zu unserem Bus zu kommen benutzen wir ausnahmsweise einen der Minibusse. In diesem Bus in der Größe eines alten VW Busses sitzen dann schon bereits 21 Mitfahrer und da es keine Aussicht auf einen leereren besteht steigen wir zu und überstehen die Fahrt weitgehend unbeschadet. Wir parkieren (wie es die schweizer sagen würden) in einem Guesthouse da bereits in der ersten Nacht wieder mal jemand versucht unsere Fahrräder zu stehlen, und das Parken auf einem bewachten Parkplatz auch teuer und meist direkt neben einer vielbefahrenen Straße gelegen ist. Hier gibt es dann auch wieder mal den Luxus einer warmen Dusche. Die Wartezeit vertreiben wir uns dann mit anstehenden Wartungs- und Reperaturarbeiten am Auto, Besuchen im Theater und Museen. Der Besuch des „Mongolian National Song and Dance Ensemble“ ist eine sehr schöne Möglichkeit einen kleinen Einblick in die Musik und Tanzkultur diese Landes zu bekommen und auch wir sind gefesselt von der Darbietung und sind recht verdutzt als die Stunde vorüber ist und die Vorstellung endet. Bei vielen der Tänze erkennt man nach kurzem das es gerade ums Reiten oder Arbeiten geht und die entsprechenden Bewegungen werden von spannender Musik untermalt. Den klassischen mongolischen Obertongesang können wir hier dann auch miterleben.

Mehr als eine Woche verbringen wir in Ulaan Bataar, beantragen die russischen Visa, planen die Weiterfahrt in Richtung Europa und verbringen einige Zeit mit den im Guesthouse Oasis hängengebliebenen Motorradtouristen. Zwei von ihnen sind bereits seit mehr als sechs Jahren mit dem Motorrad unterwegs und andere, die wir bereits in Kasachstan getroffen haben, treffen wir hier auch wieder. Simon ist beeindruckt von all den Werkzeugen die sich in unserem Heim verbergen und auf Nachfrage mit wenigen Handgriffen zur Verfügung stehen. Da drei Motorräder eine „große Inspektion“ und einige Reparaturen durchgeführt werden müssen freuen sich die Besitzer über den Werkzeugreichtum und fragen wozu wir all diese Werkzeuge brauchen? Unsere Antwort darauf ist lediglich „ sieht du doch“. Über die ganzen mitgeführten Dinge freuen sich dann auch noch viele andere Menschen, denen wir auf unserem einwöchigen Kurztrip in den mittleren Westen begegnen. Eine Familie (unterwegs mit dem Motorrad. Ja alle auf dem einem!) freut sich mitten in der Steppe über einen Flicken für ihren defekten Schlauch, die Innsassen eines Jeeps indes freuen sich über Montiereisen und Druckluft um ebenfalls mitten in der Steppe den Schlauch ihres defekten aber nun notwendigen Ersatzreifens herauszubekommen und reparieren zu können.  

Es ist eine vollkommen andere Art hier in diesem Land zu reisen. Dieses so große Land wird durch das Fehlen der Straßen gerade nochmal so groß. Die Wegbeschaffenheit bietet alles was das echte Offroadfahrerherz begehrt: bald ist man unterwegs auf ausgespülten Abschnitten, bald auf weichem sandigen Boden, immer wieder gibt es zum Glück recht kurze Strecken mit Geröll aber eben umso längere Abschnitte mit nervenden Waschbrettpisten. Ist es für uns stellenweise schwer mehr als 150 Km am Tag zu fahren. Die meisten der Flüsse können wir zwar durchfahren, mit den morastigen und zu stark ausgespülten Gebieten sieht es jedoch ganz anders aus und so muss dann doch immer wieder mal gewendet, ein Berg umfahren, oder eine neue Piste erschlossen werden. Sehr froh sind wir in diesen Situationen über unser neu erstandenes GPS Gerät. Es ist uns schier nicht möglich uns zu orientieren und bei den wenigen Kilometern, die wir hier zurücklegen, wollen wir nicht an jeder am Horizont auftauchenden Jurte nach dem Weg fragen. Bekommt man zwischendurch mal eine Wegbeschreibung heißt das noch lange nicht dass es mit unserer Karre schaffbar ist. Manchmal haben wir auch den Eindruck dass der Auskunftsgebende vermutlich die erklärte Strecke bisher nur zu Pferd bestritten hat.

Wir wollen zunächst das buddhistische Kloster“ Erdene Zuu“, bei Karakorum besuchen. Bisher hatten wir nur verschiedene Erzählungen von anderen Reisenden hierzu bekommen und stellen uns auf eine interessante jedoch von Touristen stark frequentierten Ort ein. Dort eingetroffen freuen wir uns über das Ende der Reisesaison und die damit verbundene Ruhe auf der Klosteranlage. Ebenso wie bereits im Kloster Amarbaisgalant sind wir überwältigt von den Farben und der Stimmung in den Tempeln. In einigen der Nebengebäude sind sehr schöne Darstellungen aus dem Alltagsleben zu und verschiedenster Gottheiten in Form von Wandmalereien zu finden. Weiter führt und unser Weg in einen Ort der bekannt für seine heißen Quellen ist. Ich freue mich immer über heiße Quellen, aber dass diese hier von so viel Infrastruktur, nach beachtlichen 30 Km (weitgehend ohne Straße), umgeben ist wundert uns dann schon ein wenig. Da es bereits spät ist suchen wir uns einen Stellplatz neben dem Ort, auf einer Fläche mit mehreren Steinkreisen. Diese sind Gräber aus längst vergangenen Zeiten und werden nach und nach von Archäologen und anderen Wissenschaftlern erschlossen. Am nächsten Tag wollen wir ins lang ersehnte heiße Nass… leider wird nichts daraus denn Heute (Sonntag) ist das staatseigene Bad geschlossen. Also geht es weiter auf schrecklichen Straßen in Richtung Nationalpark. Die Landschaft die hier ihr Gesicht hinter jedem zweiten Berg grundsätzlich verändert beeindruckt immer wieder. So finden wir uns nach mehrstündiger Fahrt auf schier endloser Waschbrettpiste nach dem überfahren eines Gipfels plötzlich in einem Lärchenwald der sich bis in ein flussreiches Tal hineinzieht. Pferde-, Ziegen-, Yak-, Kuh-, und Schafsherden ziehen geführt von ihren manchmal beeindruckend jungen Hirten immer wieder an uns vorbei um zu nächsten Wasserstelle zu gelangen. Wir hingegen werden von Hunden begleitet. Meist stehen wir nur wenige Minuten oder Stunden da bekommen wir Besuch von mindestens einem dieser Vierbeiner. Einige von ihnen lassen es sich auch nicht nehmen uns die Nacht über zu bewachen, oder den Rest des manchmal auch wilden Hunderudels zu holen.    

Ein 16m hoher Felsen ragt inmitten der Landschaft aus dem Boden. Eine uralte Kultstätte, deren altmongolischen Felszeichnungen bzw. Schriften unter dem ganzen Graffiti leider nicht mehr zu erkennen waren. Hin und wieder entdecken wir sogenannte Hirschsteine mit noch erkennbaren Zeichnungen. Der Besuch am Fischreichen Ogi Nuur, ein See auf dem Rückweg, ist leider nicht so spannend wie zunächst erwartet hatten. Da das Ufer sehr Flach ist, ist baden und fischen nicht so einfach. Am Ufer entdecke ich zur Bestätigung des Fischreichtums Muscheln und des abgenagte Gerippe eines echt großen Fisches (etwa so die Größe einen Männeroberschänkels).  Auch die Vogelwelt präsentiert sich uns immer wieder mit all ihren Arten. So finden wir vom Schwarzstorch über unzählige Falkenarten auch atemberaubend große Adler und eines Morgens sogar einige Geier ganz in der Nähe unseres Busses. Sie frühstücken auch gerade. Heute gibt’s gerissenes Schaf. Ein Schauspiel der besonderen Art. Die Geier sind zunächst als erstes an der Reihe, umstanden von Adlern und einigen anderen Vogelarten (die ich aber nicht unterscheiden oder benennen kann). Als dann jedoch wieder mal ein Hund wind vom „kalten Buffet“ bekommt ist er an der Reihe und die Vögel müssen sich erstmal wieder gedulden.  Immer wieder treffen wir auch auf Vogelschwärme die sich auf dem Weg in den warmen Süden machen. Kraniche und riesige Schwärme von Rauchschwalben sind somit unsere Begleiter auf dem Rückweg zur Hauptstadt.

Kaum im Guesthouse  angekommen gibt es ein Großes Wiedersehen, denn Sören und Bianca (unterwegs mit einem MB-Bus), Paul mit Luise (er unterwegs mit dem Motorrad sie mit dem Flugzeug zu nachgereist) sowie Tiffany und ihr Freund sind zugegen. Der Mercedesbus schwächelt ein wenig und hätte gerne einen  abgedichteten Kühler, Paul und Luise warten bis der Regen aufhört und Tiffany hatte einen Unfall bei dem ihr Freund sich die Schulter gebrochen hatte. „Shit happens everywhere in this world!“ Auch wir nutzen die Zeit um einige Umbaumaßnahmen durchzuführen, denn die endlosen Rüttelpisten haben deutliche Spuren an der Auspuffhalterung hinterlassen. Da auch ein Schweißgerät vorhanden ist bauen wir kurzerhand eine komplett neue Aufhängung die dann auch den mongolischen Straßenverhältnissen gerecht werden soll. Daumendrücken!! Auch einige Einkäufe wollen noch erledigt werden denn die Zuhausegebliebenen wollen ja schließlich auch etwas aus dem fernen Land mitgebracht bekommen. Ein streichelzarter Chashmerepulli, ein garantiert für Aufsehen sorgender traditioneller mongolischer Hut, wärmende Filzschlappen oder gar ein Ger? Auch kulinarisch hat die Mongolei einiges zu bieten: Airak, das ist fermentierte Stutenmilch, dazu getrockneter Joghurt, dessen Geschmack wir lieber nicht ausführlicher beschreiben. Nur soviel, Annette war überglücklich über solch außergewöhnliche Appetithäppchen. Basti zog es vor, nur kurz dran zu schnuppern. Wir lassen uns sogar zum Kauf eines mongolischen Rotweins hinreißen und bereuen diesen doch sehr gewagten Schritt bereits nach dem ersten halben Schluck. Das hier als Rotwein bezeichnete, äh sagen wir mal „Getränk“, besteht vermutlich aus Wodka mit Traubensaft und etwas Farbstoff. So schmeckt er zumindest so… Na dann Prost äh, Nastrowije!

Ein ganz besonderes Schauspiel bietet sich uns dann Sonntags nachmittags auch noch. Wir wollen einen traditionellen mongolischen (Flitze-)Bogen bei einem kleinen Bogenbauer erstehen. Um uns noch etwas mehr Inspiration zu holen besuchen wir ein Turnier. Erst nach einiger Zeit stellt sich heraus, dass es sich heute um die Nationalmeisterschaft handelt. Geschossen wird aus 65-75 Metern auf 32 nebeneinander und aufeinander gestellten Konservendosengroße Lederbecher Der Großteil der Schützen sind Männer verschiedensten Alters, aber auch Frauen sind bei diesem Turnier vertreten und stellen ihr Können unter Beweis. Beendet wird das ganze natürlich mongolisch mit einem geschlachtetem Schaf und Airak (die bereits erwähnte vergorene Stutenmilch).

 

Zum Abschied treffen wir uns nochmal mit unserer Begleiterin Moogi in Eddi´s neuem Restaurant. Ein echter Geheimtipp, denn diesen Kochkünsten und dieser Weinkarte kann man einfach nicht wiederstehen und bezahlbar ist es allemal. (für alle Die es Mal aufsuchen wollen Bistro Safron in der Soulstreet 25).

 

Weiter geht die Reise zunächst erstmal in die Ausläufer der Gobi. Die Teerstrecke hört recht schnell auf und es geht ab jetzt für den Rest der Mongolei nur noch über Pisten oder selbstgewählte Wege in Richtung Westen. Uns begegnet nicht nur ein Steppenfuchs sondern eines Abends auch noch zwei Gazellen, die aber schnell das Weite suchen. Mitten durch die Wüstenlandschaft, durch Geröll und viel viel Sand. Kamele sind auch immer wieder am Rand der stellenweise 1 ½ Km breiten und dennoch nur langsam befahrbaren „Straße“ zu finden, zur besonderen Freude von Annette. Denn die ist dann mit der Kamera bewaffnet fix unterwegs zu diesen lustigen Tierchen.

Weit, weit ist das Land hier. Unser Reiseführer verrät uns nach einigen Seiten das alleine der Aimag (sowas wie bei uns ein Bundesland) Gobi-Altai der Größe von Griechenland entspricht. Die Landschaft ist wie der Doppelname bereits erahnen lässt geprägt von Wüstenlandschaft, der Gobi und Bergen, dem Altaiausläufern. Die Hügel sind eben noch sanft gerundet, aber schon die nächsten sind scharfkantig und ragen spitz gen Himmel, der hier auf meist um die 1800 Metern recht nah erscheint. Das einzige was darauf hindeutet dass man sich vermutlich noch auf dem richtigen Weg befindet sind immer wieder mal am Horizont auftauchende Fahrzeuge und die mehreren parallel verlaufenden Pisten in ein und dieselbe Richtung.  Unser Tagesdurchschnitt bezüglich der zurückgelegten Strecke verringert sich auf den immer schlechter werdenden Pisten nunmehr auf schlappe hundert bis hundertfünfzig Kilometer am Tag, wobei man bemerken muss das wir ca. acht Stunden pro Tag unterwegs sind. Sebastian verfällt dann immer wieder mal in minutenlange Verwünschungen und Verfluchanfälle auf den Nervenraubenden Strecken.  Wir haben auch immer wieder mit Fata Morganas (Fata Morganen oder etwa noch anders geschrieben?) zu kämpfen. Ständig sieht die Piste nebenan wesentlich besser befahrbar aus als die auf der wir gerade durchgeschüttelt werden aber kaum hat man sich den Weg zu ihr gebahnt stellt man fest dass die soeben verlassene gar nicht sooo schlecht war. Eine vollkommen andere Art von Fata Morgana (oder sollte ich lieber sagen Schmecka Morgana) verfallen wir auch immer mehr. Wir unterhalten uns gerade noch über dies oder jenes und schon fällt ein Stichwort und dann passiert es auch schon. Z.B. „Frühstück“:  und die Gedanken machen sich noch während dem Sprechen selbständig und beginnen vor dem inneren Auge und dem inneren Gaumen ein Frühstück zu formen, mit allem was dazugehört. Frisches knuspriges in der Mitte noch warmes  französisches Baguette, schwarze und grüne Oliven sowie eingelegte getrocknete Tomaten, ein winziger Klecks Bärlauchspesto unter der nicht ranzig schmeckenden Butter, Milchkaffe (nicht gesalzener Milchtee) und frischen Brie, etwas Parmesan (keine getrocknete Stutenmilch- oder Kamelmilch-Quark) und ein bisschen Rotwein… und schon ist es wieder passiert. Das T-Shirt ist vollgesabbert und man wird durch tiefe Schlaglöcher in die mongolische Realität zurückgeholt. Wären wir mal bloß, wie zuvor empfohlen, in den Schwarzwald gefahren. Dafür sehen wir jedoch mal zwei Saiga-Antilopen, sehr selten gewordene Tiere mit sonderbaren Knautschnasen die richtig schnell rennen können. Wir bahnen uns also unseren Weg weiter Richtung Westen durch den Altai Gebirgszug vorbei an irreal wirkenden Landschaften. Die endlose Steppe wird nur selten durch kleine wie Oasen wirkende Seen und Flüsschen unterbrochen. Da wir von der vielen und anstrengenden Fahrerei ziemlich fertig sind entschließen wir uns einige Km vor Khowd mitten in den Bergen zu einem Faulenzertag.

Also erstmal lange schlafen, dann wie immer dem Annettchen einen Kaffee kochen und ihn zusammen mit einigen Häppchen (gibt jetzt nur noch Pumpernickel aus der Notrationspackung) ans Bett servieren, dann einen ausgedehnten Spaziergang auf die nahegelegenen Bergspitzen und dann schnell zurück ins warme Auto und den Krimi fertiglesen. In der kleinen Stadt die wirklich wie eine Oase hier zwischen den Bergen gelegen ist, füllen wir einige Vorräte auf (Dosenfutter, Chips ….um eine Hand voll Tomaten zu ergattern umrunden wir den hiesigen Markt zweimal) und ziehen dann wieder weiter in die fast menschenleeren Gebiete. Laut Wikipedia leben in der gesamten Mongolei etwa so viele Menschen wie in Berlin. Von diesen etwas mehr als drei Millionen leben dann auch etwas mehr als ein Drittel in den „großen“ Städten. Somit kommen dann auf einen Km² 1,9 Personen. Damit ist dann auch erklärt wie es sein kann das man hier ohne weiteres ein zwei Tage unterwegs sein kann ohne einem Ger oder Haus zu begegnen. Die Straßen werden je weiter wir in den Westen fahren auch immer leerer, Höchstens drei bis fünf Fahrzeuge begegnen uns am Tag. Umso größer ist dann die Überraschung als uns mitten in den Bergen vier Vespa Roller entgegen kommen. Besetzt von vier Italienern plus eine Senhorita, die sich über frischen Kaffee riesig freuen und noch ganz schön was vor sich haben… .  Sie fragen uns „how log ist the bad road?“ antwort: „not so long, only 1200Km“

Die letzte größere Stadt vor der russischen Grenze ist dann trotz kaputtem Radlager schnell erreicht. Von hier geht das lustige „Wir brauchen Ersatzteilespiel“ wieder mal von vorne los. Jetzt jedoch mit etwas mehr Erfahrung als in Almaty. Na hoffentlich läuft es diesmal besser… .  Da wir noch etwas Zeit haben und in Ülgij , so nennt sich diese Stadt, auf  Rike, eine junge deutsche Bildhauerin treffen, die hier als FSJ-lerin in einer Schule arbeitet, entschließen wir uns mit ihr zusammen zu einer tuwinischen Familie in einen ca. 70 Km entfernten Ort zu fahren. Tuwiner sind ein besonderer mongolischer Stamm mit einer eigenen Sprache. Meist sind es keine Buddhisten oder wie hier die kasachische Bevölkerung Muslime, sondern Schamanisten. Ein Jeep russischer Bauart bringt uns mit dem Fahrer (nicht sein Name, aber sein Ruf lautet: „fährt wie ein junger Hund“) in die kleine Siedlung.  Angekommen, werden wir mit dem gesalzenen Milchtee begrüßt, lecker (?) (nicht wirklich aber anstandshalber wird getrunken)… . Wir verbringen das Wochenende hier und haben viel Spaß mit den zahlreichen Kindern, spielen mit einer mitgebrachten Frisbee, Jonglierbällen und fahren mit zu Bekannten aufs Land und trinken noch mehr Milchtee, lecker, lecker(Annettchen)…heul, würg(Sebastian)…   Die Mongolen sind ein wirklich gastfreundliches Land und wenn Gäste kommen wird zusammengerückt, schnell was gekocht und Unmengen an Tee getrunken. Es gibt viele Rituale, z.B. wo Männlein oder Weiblein sitzt, wie man Geschenke übergibt oder auch wie und mit welcher Hand man die Teeschalen reicht. So haben wir in der Familie von Neren Gelde und Tuija einen kleinen Einblick in das traditionelle Leben erhaschen dürfen und wieder einmal viel gemeinsam gelacht.        

Das Wochenende ist schnell vorüber und wir fahren zurück in die Stadt. Aufgrund des Fahrstiels schließen wir bei dem Fahrer auf den Namen „junger Hase vom Fuchs verfolgt“. Er erteilt uns eine Gratislektion in – wie bekomme ich ein robustes Fahrzeug möglichst schnell kaputt. Man muss an dieser Stelle noch anmerken das in diesen russischen Jeep´s, normalerweise für fünf Personen, dann doch neun Personen sowie das komplette Gepäck sowie mehrere Säcke mit nicht ganz frisch geschlachtetem Fleisch Platz finden. Die Fahrt ist fast schadenfrei überstanden, wir riechen nur ein bisschen nach den geschlachteten Hammeln die unter und hinter und im Wagen lagen. Nochmal schnell mit dem ADAC in Deutschland telefonieren, ob denn die benötigten Teile aufgetaucht und auf dem Weg nach Novosibirsk sind. Am nächsten Morgen Frühstücken wir noch mit Rike, dann setzen wir unsere Fahrt gen Westen fort. Nach einigen Kilometern stellen wir mit erschrecken fest dass wohl jemand versucht hat unsere Reifen zu klauen, denn das hässliche Geräusch von hinten, was eben begonnen hat sind die losen Felgen an der Hinterachse. Die fehlende Muttern werden durch die von den Ersatzreifen ersetzt damit wir noch bis zur Grenze kommen. Diese ist dann schnell erreicht und die Ausreise geht fix von statten. Es gibt ein ca. 20 Km langes Niemandsland, in dem wir jedoch leider nicht stehen bleiben dürfen. Mit einer Eskorte geht es deshalb zurück in die Mongolei und am nächsten Morgen mit einem zweiten Ausreisestempel (geht das?) dürfen wir nach Russland fahren.

August-Oktober 2009