Russland ein zweites mal und diesmal mit etwas mehr Zeit

Schwups und schon sind wir wieder in Sibirien. Diesmal haben wir nur drei Stunden an der Grenze gebraucht denn Medvedev hat leider nur für den Grenzübergang in den Norden der Mongolei einen Röntgen LKW geordert. Hier findet die Fahrzeugkontrolle noch unter den fachmännischen Röntgenaugen eines Zöllners statt. Da wird noch jedes noch so kleine Kästchen in Augenschein genommen…unter das Fahrzeug wollte jedoch niemand schauen?!?

Wir durchfahren den russischen Altai der innerhalb von knappen 500 km von 2500 Metern auf 250 Meter verringert. Der goldene Herbst macht seinem Namen hier alle Ehre denn kaum sehen wir hier seit langem wieder einmal Bäume (Birken und Lärchen), so sind diese in einer gold-gelben Pracht gehüllt. Der Weg führt parallel zum Flusslauf ins Tal und wir Übernachten zwischen einem kleinen Wasserfall und dem Flussufer in völliger Einsamkeit. Malerisch zeigt sich hier die Landschaft mit ihren immer wieder schneebedeckten Gipfeln und weiten, teils noch grünen Tälern. Unterbrochen wird das Ganze gelegentlich durch das ein oder andere Dörfchen und je weiter wir ins Landesinnere vordringen werden aus den Dörfchen kleine Städtchen. In einem kleinen Lädchen (ca. 10 x 8 Meter) wollen wir noch einige Lebensmittel kaufen und sind direkt nach dem Eintreten in dieses völlig mit der hier zu findenden Vielfalt überfordert. Es gibt hier allein 15 verschiedene Käsesorten und hinzu kommt eine riesige Auswahl an geräuchertem Fisch, wovon wir uns dann ein gutes Stück Räucherlachs gönnen. Das mit dem Angeln hatten wir am  Abend zuvor wieder einmal vergeblich versucht. Als ich dann noch nach Milch Frage und als Gegenfrage  nur zu hören bekomme „ Frische Milch, Haltbare Milch, 1,5%ig, 2,5%ig oder lieber 4%ig?“sind wir hoffnungslos überfordert. Den beiden erstaunten Verkaufsdamen erklären wir noch woher wir gerade kommen und das uns unser Weg direkt in ihr Schlemmerland geführt hat und verabschieden uns dann mit unseren vollen Taschen.   

Ich habe noch die Hoffnung einige Pilze am Straßenrand zu erstehen, welche mir Annette versucht zu zerstören indem sie nur sagt dass die Pilzsaison bereits zu Ende sei. Dem widerspreche ich standhaft mit dem Argument dass ich in Deutschland im Laden das ganze Jahr über Pilze bekomme und deshalb will ich auch jetzt welche…(1-2-3 Wunsch ans Universum…)einige Km weiter steht eine Babuschka (Oma) und hat meinen Wunsch erhört. Ein Eimer voller Pilze für uns „hmm“lecker.

Der Weg führt uns zunächst nochmal nach Novosibirsk. Da eines Der Radlager den mongolischen Straßenverhältnissen nicht gewachsen war benötigen wir ein neues um auch wieder zurück nach Europa zu kommen. Da wir die benötigten Teile bereits in Ölgi (Mongolei) bestellt hatten brauchen wir hier nur noch warten wann wir sie am Flughafen abholen können. An dieser Stelle nochmal ein riesiges Dankeschön an den ADAC, der den Ersatzteilversand wieder komplett organisiert hat. Die Wartezeit vertreiben wir uns mit Semen, Valentina und Sonja, einer jungen Familie die wir über „couch surfing“ (eine Internetseite in der man als Reisender eine Schlaf oder in unserem Falle nur eine Duschgelegenheit finden kann) kennengelernt haben. Unser neues Zuhause heißt hier MEGA und ist ein gigantisches Einkaufzentrum mit kostenlosem Wlan. Kaufen kann man hier eigentlich alles, zahlen leider nicht. Da wir bis zur Ankunft unserer Teile nun einige Tage Zeit haben besuchen wir zusammen mit der kleinen Familie unter anderem den wirklich sehenswerten Zoo, die Kunstgalerie (die pünktlicher als die Maurer schließen), ein kleines aber sehr interessantes Sonnenmuseum und das von den Bewohnern von Novosibirsk mit etwas Stolz in der Stimme genannte „Meer“. Eigentlich handelt es sich hierbei lediglich um einen Stausee, aber angesichts der Ausmaße (stolze 1070Km²) kann man es ruhigen Gewissens als „Meer“ bezeichnen. Es gibt sogar einen Sandstrand, den wir dann auch gleich als Picknickgelegenheit nutzen und einen Versuch russische Würstchen (sogar Vegetarier tauglich denn Fleisch war da sicher keines drin) zu grillen. 

Es ist wieder mal Zeit für ein Fussballspiel im durchreisten Land und so kommen wir in die Gelegenheit das Spiel Russland gegen Deutschland mitzuerleben. Wir haben versucht ein deutsches Fähnchen in den Läden zu ergattern aber komischer weise gab es nur russische?!? … gewonnen haben die deutschen Fußballer trotzdem…obwohl Semen mit dem russischen Fähnchen wie wild gewedelt hat. Als unsere Teile dann nach einigen Tagen dann angekommen sind und wir uns auf das Schlimmste vorbereitet haben, ist schließlich wieder mal Freitag…,  sind wir nicht schlecht überrascht als wir das ersehnte Paket bereits nach drei Stunden in unseren Händen halten. Unkompliziert und sehr freundlich und hilfsbereit zeigen sich die Leute am Zoll, denn mit Händen und Füßen sprechen finden auch sie lustig. Eine nicht ganz so lustige Sache passiert uns dann vor der Mercedes Benz Werkstatt. Dort treffen wir auf ein Team aus Polen. Sie haben sich vorgenommen innerhalb von zwei Monaten an den kältesten Ort Sibiriens (für alle die auch nicht wissen welcher es ist  - es ist Magadan mit über 70°Grad unter Null) und zurück zu fahren. Auch sie haben Probleme mit einem ihrer G-Modelle und suchen die Mercedes  auf. Vor lauter Freude oder vielleicht war es auch nur das berühmt berüchtigte Pfister-Syndrom und schon ist es passiert, Annettchen macht die Türe zu und lässt den Schlüssel im Heim liegen. Der erste Schreck sitzt tief. Aber wozu hat man sechs starke abenteuerlustige Polen um sich versammelt. Direkt zückt einer die richtigen Werkzeuge und nach ca. 30 Minuten und unserer Anleitung haben sie es dann auch geschafft. Wir jubeln. Schon aberwitzig, da fährt man in Russland herum und bekommt das Auto von Polen aufgebrochen… .  Das Lager ist dann auch nach einigen Stunden eingebaut und wir müssen unsere Fahrt fortsetzen. Da wir es in den wenigen Tagen bis zum Ende unserer Visa nicht schaffen werden an die Grenze zur Türkei (über das Schwarze Meer) oder in die Ukraine zu kommen benötigen wir auch hier wieder mal die Hilfe der Deutschen Botschaft oder besser gesagt hier des Generalkonsulats. Mit deren Papier und der Bestätigung der Reparatur sollen wir in einigen Tagen eine Visaverlängerung bekommen. Es geht weiter in Richtung Westen und Sibirien verabschiedet sich mit den ersten Schneeflocken, oder empfängt uns etwa der Ural damit?

In der Mayonaise-Hauptstadt Ekaterinenburg (steht im Guinessbuch der Rekorde) bekommen wir nun unsere Verlängerung in Form von neuen Visa, ebenso unkompliziert und hilfsbereit ausgehändigt wie wir es bereits am Zoll in Novosibirsk erlebt hatten. Da soll noch einmal einer was über die Bürokratie in Russland sagen… . Auch hier finden wir über „couch surfing“ schnell viele nette Menschen und verleben einige sehr schöne Tage hier. Wusstet ihr dass die letzte Zarenfrau aus Hessen- Darmstadt kam?

Es sind zwar nun zehn Tage mehr Zeit aber dennoch müssen wir sehen das wir voran kommen denn es sind noch immer über 2000 Km und wir wollen ja nicht nur fahren. Wolgograd heißt der nächste Anlaufpunkt. Eine Stadt die erst im letzten Jahrhundert groß wurde. Apropos groß, hier bekommen wir die größte Statue der Welt zu sehen die „Mamaev Kurgan“ ist mit 86 Metern ein imposantes Denkmal an Mutter Russland. Annette war richtig zusammengezuckt als sie aus dem Fenster geschaut hatte und plötzlich diese riesige Figur hinter den Gebäuden auftauchen sah. Auch hier sind wir wieder mal Couch-Gäste und bekommen einiges in der Stadt zu sehen. Kriegsinteressierte werden hier ihre helle Freude haben denn es gibt zahlreiche kleine und große Museen zum Thema 2.Weltkrieg. Am Tag unserer Abreise passiert es dann, wir fahren einem kleinen Moskvich hinten drauf. Ist nicht weiter schlimm nur die Stoßstange und ist verbogen, der Kofferraum büßt etwas an Raumangebot ein aber sonst ist nix passiert. Der betroffene und die Polizisten sind von der robusten Bauweise des Mercedes begeistert, denn an unserem Gefährt ist kein Schaden zu entdecken.

Die letzten Kilometer in Russland haben es dann jedoch nochmal in sich, nein die Straße ist diesmal nicht gemeint. Vielmehr sind es diesmal die „Post-Stationen“ (Polizeikontrollstellen die ständig zu finden sind) zu schaffen. Dem Tipp doch in die Teilrepublik Kalmückien nach Elista zu fahren folgen wir um uns die buddhistischen Klöster dieses von ehemals mongolischen Menschen besiedelten Gebiets anzuschauen. Aber daraus wird dann leider doch nichts, denn die Polizisten in diesem Gebiet scheinen hier dermaßen schlecht bezahlt zu sein dass sie sogar während der Arbeitszeit betteln müssen. Und so kostet uns dieser Tag einiges an Nerven, Geduld, geheuchelter Freundlichkeit, eine Flasche Wodka, unser „Point it“- Buch und drei Äpfel. Da wir hier keine Lust haben länger als nötig zu bleiben fahren wir weiter der Ukraine, vorbei am Kaukasus, entgegen. Die Meeresenge zwischen Russland und der Ukraine wollen wir mit der Fähre überqueren um auf die Halbinsel Krim zu gelangen.

Hierzu stehen wir schon früh an der Grenze und sollen noch lange stehen! Wieder einmal ist es passiert bei der Einreise ist einem der Zöllner ein „Tippfehler“ unterlaufen und so steht in unserer Einfuhrgenehmigung fürs Auto ein falsches Ausreisedatum. Da wir das Ding ohnehin nicht lesen können haben wir natürlich lediglich die Stellen kontrolliert die wir lesen und zuordnen können. Egal es fällt wieder mal das Wort „Straf“ und wir sind am telefonieren. Leider können wir das Problem nicht auf die gewünschte Art lösen und so machen wir ein System das angeblich keinen menschlichen Fehler zulässt um 1500 Rubel reicher. Ohne Quittung wollen wir nicht und so bekommt Inspektor dann richtig Arbeit. Ca. vier Stunden später bekomme ich ihn wieder mal zu Gesicht und er verkündigt stolz, dass das ca. 20 seitige Protokoll bald fertig ist. Da wir mit der Aussage festgenagelt wurden, dass es schließlich unser Problem sei, wenn wir kein russisch können und trotzdem unterschrieben hatten, kontern wir nun. „Ich unterschreib nix was ich nicht lesen kann!“ und sogleich entgleisen dem guten Mann die Gesichtszüge und die Farbe gleich dazu. Weitere zwei oder auch drei Stunden später liegt uns unsere „Akte“ vor und wir bekommen sie mit Mühe „übersetzt“. Da die letzte Fähre in wenigen Minuten abfahren wird (wir haben die Fährkosten natürlich schon bezahlt) muss es nun ein bisschen schneller gehen und Inspektor muss dann auch mal rennen. Naja das Auto kann jetzt raus aber das nächste Problem kommt prompt. Wir haben Ausreisevisa ausgestellt bekommen, die hier wohl noch nie aufgetaucht sind denn es muss wieder ein Vorgesetzter gerufen werden damit wir unsere Stempel bekommen. Das Ganze dauert schlappe zwölf Stunden---neuer Grenzrekord!  Und so geht ein Tag zu Ende und wir überqueren die Meerenge im Dunkeln. Nur schwimmen wär schlimmer!! Ahoi du schönes „Mayonaiseland“

Oktober 2009