Buntes Sibirien

Der Grenzübergang war wiedermal spannend, langwierig und  lustig zugleich. Da unsere Russischkenntnisse ja nach wie vor nicht die Besten sind, gibt es dann im Laufe der Fahrzeuginspektion des Zöllners ein lustiges Ratespiel. Er, wirklich bemüht uns diesen wichtigen Gegenstand zu erklären, versucht es zunächst wie alle anderen auch und wiederholt das Wort einfach immer und immer wieder. Unseren fragenden Gesichtern entnimmt er dann vermutlich auch dass wir nicht wissen was er sucht. Also wird variiert und er fängt an uns was von Schaschlik zu erzählen. Annette, noch etwas angeekelt vom letzten Schaschlik, erklärt ihm dann auch gleich, dass uns gerade dieses Nationalgericht nun überhaupt nicht schmeckt. Aber wir haben ja noch das Ding zu erraten. Also rein mit dem guten Mann in unsere Stube. Vielleicht darf man keine Fleischwaren (man wir denken gleich an Schweinepest und Schlimmeres)einführen. Also Kühlschrank auf, doch dieser interessiert ihn nicht. Erfolglos umgeschaut nach dem gesuchten Objekt fängt er gleich wieder an mit Schaschlik und Gas, das explodieren kann. „Das Gas kann man abstellen jaja“ und in dem Moment komme ich auf die Idee was der gesuchte Gegenstand sein könnte. Ich nehme ihn mit nach hinten und präsentiere ihm unseren  hübschen 10Kg Feuerlöscher, den muss man in Russland und in der Mongolei immer dabei haben, und wer hätte es gedacht das ist das gesuchte Objekt.

Wir hatten uns ja schon so unsere Gedanken gemacht wie es hier wohl aussehen möge und was uns hier so erwartet, aber was wir vorfanden ist dann doch vollkommen anders. Unter Sibirien stellte ich mir eine, evtl. sogar verschneite, kalte Gegend mit etwas Wald vielen Seen vor. Menschen mit der altbekannten russischen Pelzmütze und einer Flasche Wodka in der Manteltasche, mit der MZ mit Beiwagen, dem Mosquitsch  oder gar einem der Benzinbetriebenen  Ural LKW´s unterwegs auf miserablen Straßen. Was wir hier vorfinden entspricht nur ansatzweise unseren Vorstellungen. Kaum über die Grenze sind bis zum Horizont reichende Felder mit Getreide oder Sonnenblumen zu sehen. Die Gemüsekamer scheint hier ebenfalls ihren Platz gefunden zu haben. Die Auswahl erstreckt sich von Tomaten, Gurken über Wassermelonen bis hin zu unendlich vielen Pilzen. Also steht auf unserem Speiseplan in den nächsten Tagen alles was man so aus Pfifferlingen so schmackhaftes zubereiten kann.

Die Straßen sind größtenteils richtig gut befahrbar und ebenfalls so Schnurgerade wie schon in Kasachstan. Vorbei an schier unendlichen Birkenwäldern, unzähligen kleinen Seen und Teichen, und den hübschen kleinen, meist bunt bemalten Holzhäuschen. Hier sind die Temperaturen sehr angenehm und die Luft geschwängert mit dem Duft der Wälder und Wiesen. Die Unmengen an gestapeltem Holz lassen jedoch die langen kalten eisigen Winter erahnen. Fährt man auf eine Stadt zu so wird diese anscheinend immer durch die sogenannten „Datschas“, kleine Schrebergarten-Wochenendhäuschen, die ihren großen Brüdern in der Stadt in nichts nachzustehen scheinen.

Die Städte erscheinen uns riesig und irgendwie unwirklich in diesem auf so lange Strecken menschenleerem Land. Um von der einen in die andere Stadt zu gelangen fährt man da schon mal ein zwei Tage um die bis zu 500 Km zurückzulegen.  Die Mischung aus den bunt bemalten Häuschen und den Plattenbauten ist immer wieder ein Blickfang. Da wir nur ein Transitvisa haben bleibt nur leider nicht viel Zeit um uns die ganzen sehenswerten Gebäude näher anzuschauen. Bei Sonnenschein und anfangs noch gutem Wetter durchfahren wir Novosibirsk, Irkutsk und Ulan Ude. Selbst den Baikalsee auf den wir uns schon so gefreut haben müssen wir bei strömenden Regen mehr oder minder links liegen lassen. Dieser fast 700 Km lange und 1600 Meter tiefe See ist der älteste und tiefste Süßwassersee der Erde und verfehlt seine Wirkung bei uns keineswegs. Trotz des schlechten Wetters genießen wir den Blick auf ihn und können seine Wellen bestaunen. Die Größe Sibiriens beeindruckt uns auf der „kurzen“ Distanz (immerhin doch 3000Km) die wir hier zurücklegen trotzdem. Ein Blick ins immer mal wieder vorhandene Internet verrät uns dann auch gleich das Sibirien in etwa der Größe ganz Europas entspricht. Ganz schön groß… . Die Landschaft um uns verändert sich täglich.  Eben durchfuhren wir noch die riesigen flachen Birken und Kiefern Wälder, schon sind wir in den Bergen südlich der Baikalsees und kurz darauf erstreckt sich das Land in die uns aus Kirgisien bereits bekannte Hügel- Steppen- Landschaft. An der Grenze angekommen stehen wir vor verschlossener Türe, oder sagt man in diesem Fall Tor? Egal, wir müssen auf den nächsten Tag warten und sind sehr froh doch einen ganzen Tag für die Grenze eingeplant zu haben, sonst hätten wir jetzt ein Problem. Die Mitwartenden sind schnell um unsere Karre versammelt und bestaunen den „njemez petsch“ (deutschen Ofen) der uns als Zweitheizung wärme spendet. Anschließend wird noch ein Rundgang um das gute Stück gemacht, der Allrad-Antrieb, der sechs-Zylinder-Motor, die Tüv-Plakette (übersetzt: „wozu ist das?)“ und der Innenausbau bestaunt. Abends haben wir dann noch zwei Gäste zum Essen. Ein kleiner Sprachkurs mit den neugierigen  Mongolen bringt uns und ihnen einen Heidenspaß. Was Gummistiefel und die anderen Dinge auf mongolisch heißen haben wir dennoch innerhalb von Sekunden wieder vergessen.

 

 

Der nächste morgen ist gekommen und nach fast schlafloser Nacht, es wurde die ganze Nacht immer irgendein LKW oder Transporter durch die Gegend rangiert, wird kurz gefrühstückt und die mittlerweile gewohnte Ausreiseprozedur hinter uns gebracht. Es geht dann auch alles erstaunlich schnell und einfach und so stehen wir etwas unverhofft auf einmal an der mongolischen Grenze.

August 2009